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Bedford-Strohm
25. Mai 2018

Religiöses Desinteresse bei jungen Menschen ist „alarmierend“

Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Foto: ELKB/Rost
Der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Foto: ELKB/Rost

Greifswald (idea) – Als „alarmierend“ hat der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm (München), das religiöse Desinteresse bei vielen jungen Menschen bezeichnet. Er sprach bei einer internationalen Tagung des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung am 24. Mai in Greifswald. Nach seinen Worten wächst in Deutschland die Zahl der Menschen, die vom Evangelium nicht erreicht werden. Selbst bei vielen jungen Kirchenmitgliedern gebe es einen Verlust an christlicher Sozialisation. Dieser Mangel werde häufig an die nächste Generation weitergegeben. Das Vorleben des Glaubens in den Familien nehme ab. In manchen Regionen brauche jemand „Bekennermut“, wenn er sich zur Kirchenmitgliedschaft bekenne. Dennoch müsse man sich vor „Selbstzerknirschung“ hüten. Sie lähme nur und führe zur Resignation. Mit der Entwicklung der Kirchenmitgliedschaft lasse sich keine Verfallsgeschichte zeichnen. 1950 gehörten etwa 95 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einer Kirche an, heute sind es 58 Prozent. Die Zahlen seien jedoch nicht miteinander vergleichbar, so Bedford-Strohm. Wenn früher jemand aus der Kirche ausgetreten sei, habe er soziale Sanktionen fürchten müssen. Heute bestimme jeder selbst, ob er Kirchenmitglied sein wolle. Deshalb seien die heutigen Zahlen ehrlicher. Bedford-Strohm nannte es eigentlich sensationell, dass über die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland einer Kirche angehört.

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Christliche Botschaft muss Verstand, Herz, Gefühl und Seele erreichen

Laut dem Ratsvorsitzenden kommt es heute darauf an, dass die christliche Botschaft nicht nur den Verstand, sondern auch Herz, Gefühl und Seele der Menschen erreicht: „Mit reiner Tradition oder Konvention ist es nicht mehr getan.“ Nötig sei eine authentische Kirche, die die demokratische Vielfalt begrüße und zugleich selbst ein klares biblisches Profil zeige. Sie dürfe sich nicht an den gesellschaftlichen Pluralismus anpassen. Bedford-Strohm zufolge muss die Kirche „aus der Depression herauskommen“. Sie dürfe nicht nur Verluste sehen und die Zukunft in düsteren Farben malen. Vielmehr gelte es, sich an den Verheißungen der Bibel sowie an positiven Beispielen der kirchlichen Praxis zu freuen.

Die Kirche braucht eine „Obergrenze für Gremien“

Ferner sprach sich Bedford-Strohm dafür aus, kirchliche Regeln, Verordnungen sowie die Zahl von Sitzungen auf ihre Zweckmäßigkeit zu überprüfen. Man brauche eine „Obergrenze für Gremien“. Sie hielten davon ab, zu den Menschen zu gehen. Angesichts des Trends schrumpfender Kirchen brauche man mehr Experimentierfreude sowie „Erprobungsräume“. Unternehmen wie Google und Facebook böten kreative Arbeitsbedingungen. Eine solche Umgebung wünschten sich junge Menschen. Sie passe auch viel besser zu einer geistorientierten Kirche als „analog zu preußischen Verwaltungen gewachsene Kirchenämter“. Die Kirche müsse lernen, sich als Netzwerk zu denken. So sei es sinnvoll, dass sich Gemeinden beim Konfirmandenunterricht vernetzen. Junge Menschen sollten in die Gestaltung von Gottesdiensten einbezogen werden. Nötig sei es auch, im Internet „nachzulegen“. Die Kirche müsse in den Sozialen Medien präsenter sein. Sie böten die Chance, mit Menschen in den Dialog zu treten.

Theologische Ausbildung braucht Lebensnähe

Der EKD-Ratsvorsitzende warb zudem dafür, die Lebensnähe der theologischen Ausbildung zu stärken. Das Erlernen der alten Sprachen sei ein wichtiges Gut, aber möglicherweise fehle es Theologen an Wirklichkeitswahrnehmung und Kommunikationsfähigkeit. Um missionarische Kraft zu entwickeln, sei es entscheidend, dass ein Christ Gottes Liebe ausstrahle. Dies sei ein Grund, warum Papst Franziskus so viele Menschen anspreche.

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