Montag • 13. Juli
Pro und Kontra
25. März 2020

Persönliche Seelsorge in der Corona-Krise aussetzen?

v.l.: Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Prof. Samuel Pfeifer und der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee in Berlin, Steffen Reiche. Fotos: Privat; idea/Wolfgang Köbke
v.l.: Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Prof. Samuel Pfeifer und der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee in Berlin, Steffen Reiche. Fotos: Privat; idea/Wolfgang Köbke

Wetzlar (idea) – Angesichts der Ausbreitung des Coronavirus ist auch das kirchliche Leben stark eingeschränkt. So sind Gottesdienste mit Besuchern in Kirchen verboten. Stattdessen gibt es digitale geistliche Angebote. Sollte in dieser Situation auch das persönliche Seelsorgegespräch von Angesicht zu Angesicht unterbleiben? Dazu äußern sich ein Psychotherapeut und ein Pfarrer in einem Pro und Kontra für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar).

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Pro: Auch digitale Seelsorge bleibt persönlich

Für ein Aussetzen der persönlichen Seelsorge plädiert der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Prof. Samuel Pfeifer (Riehen bei Basel). Er hat seine psychotherapeutische Praxis vollständig auf Online-Konsultationen umgestellt. Die Situation zwinge dazu, das Wesen der Seelsorge neu zu überdenken, obwohl das in der Telefonseelsorge schon seit Jahren getan werde.

Pfeifer: „Die persönliche Begegnung wird durch digitale Medien zwar verändert, aber sie bleibt persönlich, in freundlichen Worten, im Hören des anderen, in einem kreativen Austausch.“ Man könne einer Person zwar nicht die Hand auf die Schulter legen, aber Wärme in die Stimme legen und sie so ermutigen. Selbst gemeinsame Gebete seien möglich.

Kontra: Gerade jetzt ist die Seelsorge der Kirche gefragt

Die Gegenposition vertritt der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Nikolassee in Berlin, Steffen Reiche. Nach seinen Worten ist gerade jetzt die Seelsorge der Kirche gefragt. Das Einfachste sei natürlich, über Telefon erreichbar zu bleiben. Seine Handynummer sei überall zu finden – im Gemeindeblatt und im Internet. Aber, so fragt Reiche: „Was ist, wenn jemand in seiner Not und in seinem Alleinsein ein Gegenüber braucht?“ Als Beispiele nennt er Menschen, „die am Rad drehen“, und Sterbende. Natürlich müsse man bei den Begegnungen die gebotene Distanz einhalten.

Seelsorge heiße gerade jetzt, die Kirche für zwei Stunden am Tag zu öffnen, damit man für ein paar Minuten hineingehen könne. Es gelte, gerade jetzt die Osterbotschaft zu verkündigen. „Nicht nur Auferstehung am Ende der Zeiten, sondern auch mitten im Leben. Denn wir können auferstehen, weil wir von Gott auferweckt wurden zu neuem Leben und Denken.“