Donnerstag • 27. Februar
Spirituelles Malen
04. Februar 2020

Mit Pinsel und Geist - kreativ glauben

Ein Bild von Ruth Truttmann: Während eines Gottesdienstes live gemalt. Foto: zvg
Ein Bild von Ruth Truttmann: Während eines Gottesdienstes live gemalt. Foto: zvg

(idea) - Wer in der Lutherbibel nach dem Wort "malen" sucht, findet nur zwei Stellen. Eine davon in Jeremia, die andere im Buch Sirach, einer Spätschrift ausserhalb des biblischen Kanons. Dass die Malerei in der Bibel ein Schattendasein fristet, mag mit dem Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen" zusammenhängen. Das Verhältnis der Christen zu Bildern, zur Kunst, ist gespalten. Die Reformatoren stellten sich gegen den damaligen Trend in der Kirche, dass Bilder eine immer grössere Rolle spielten. Während des "Bildersturms" verordneten Theologen, dass Gemälde, Skulpturen und Kirchenfenster entfernt, - ja sogar zerstört werden müssten. Gut, dass uns trotz dieses massiven Eingriffs Kunstwerke aus dieser Zeit erhalten geblieben sind, unter anderem der "Isenheimer Altar". Matthias Grünewald realisierte das berühmte Altarbild in den Jahren 1512 bis 1516. Er hinterliess damit eines der bekanntesten spirituellen Werke überhaupt.

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"Inspiriertes Malen"

In seiner Titelgeschichte greift das Wochenmagazin ideaSpektrum das Thema Kunst und Glaube auf. Denn in unserer Zeit kehren die Bilder vermehrt in die Kirchen zurück. Das geht soweit, dass während des Gottesdienstes gemalt wird. So wie es etwa Ruth Truttmann macht. Die 42-Jährige malt häufig in den Gottesdiensten der Freien Christengemeinde (FCG) in Aarau. Was sie tut, das umschreibt sie mit dem Begriff "inspiriertes Malen". Sie verbringt als Vorbereitung auf ihren malerischen Auftritt Zeit mit Gott, taucht ein in Lobpreismusik. "Ich erlebe, wie Gott Impulse in meine Gedanken haucht. Ich entwickle diese Impulse weiter und mache sichtbar, was aus Gottes Herzen kommt," beschreibt die Theologin diesen Prozess.

"Mit dem Pinsel beten"

Kathi Kaldewey (70) leitet Kurse zum Thema "Mit dem Pinsel beten". "Ich schaffe einen Rahmen, damit die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer vor Gott still werden können. Ich gebe Impulse, die ihnen helfen, ihr Herz für Gott zu öffnen", erklärt sie. Um mit Gott ins Gespräch zu kommen und Bilder mit dem Pinsel festzuhalten, brauche es keine künstlerische Vorbildung, meinte Kathi Kaldewey. Sie beobachtet, dass das, was beim Malprozess im Leben von Menschen geschieht, "sehr viel weiter geht, als ein Vortrag bewirken kann".

Kunst führt zum Dialog

Marcus Watta, der in Mainz Kunst studierte und heute für die Stiftung Schleife in Winterthur tätig ist, findet es grossartig, dass Menschen kreativ werden und gestalten. Für den 51-Jährigen hat Kunst jedoch per Definition einen anderen Zweck und Anspruch. "Künstlerisches Schaffen ist sich seiner Tradition und der langen Geschichte bewusst, in die es sich stellt", sagt er. Letztlich wird ein Dialog initiiert, der durch den Besuch von Ausstellungen, den Austausch mit Kollegen, Fachleuten und nicht zuletzt mit Interessenten und Auftraggebern stattfindet. "Sehr erfrischend" empfindet Marcus Watta dabei insbesondere den Dialog mit Studierenden.

"Bilder sollen Menschen bereichern"

Für Watta ist Malen ein "heimlicher Vorgang", der idealerweise in der Abgeschiedenheit stattfindet. Unter fremden Blicken zu malen, ist für ihn eine unangenehme Vorstellung. Für die Entstehung seiner Bilder brauche es die Faktoren Zeit, Geduld und Konzentration. Marcus Watta: "Ein Teil der Aufgabe eines Künstlers ist es, dass seine Bilder den Betrachter aufbauen." Wobei er da keinen Unterschied sieht, ob nun ein Bild von einem christlichen Maler stammt oder nicht: "Bilder sollen Menschen bereichern." Er setzt bei Anlässen der Schleife denn auch Bilder ein, um zum Beispiel anlässlich eines Workshops Menschen mit Bildbetrachtungen in die Anbetung zu führen.

Das Wochenmagazin ideaSpektrum beleuchtet das Thema des spirituellen Malens in seiner Ausgabe vom 5. Januar 2020.