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Rückschau der abtretenden Direktorin von Mission 21
23. März 2019

„Mission war nie brav!“

Claudia Bandixen: Menschen vor Ort begleiten. Foto: zvg
Claudia Bandixen: Menschen vor Ort begleiten. Foto: zvg

(idea) - Claudia Bandixen, Sie haben Ihren Rücktritt als Direktorin von Mission 21 bekannt gegeben. Zeit für eine Rückschau. Was hat sich bei Mission 21 im Lauf Ihrer Amtszeit verändert?
Mission 21 hat sich trotz der schwierigen Rahmenbedingungen konsolidiert, hat ihre Qualität in Projekten und Programmen erwiesen und ausgebaut und kann heute wieder mit grosser Effizienz ihre Beiträge auch in internationalen Körperschaften wie dem Ökumenischen Rat der Kirchen geben. Vor allem aber hat Mission 21 ihren Prozess hin zur demokratisch und respektvoll funktionierenden Gemeinschaft abgeschlossen.

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Können Sie das noch etwas erläutern?
Bevor ich begann, hatte die Mission in wenigen Jahren so hohe finanzielle Einbussen erlitten, dass die Existenz des Werkes gefährdet war. Es ging um einen Betrag von fast sieben Millionen Franken. Deshalb liess ich mich als Präsidentin der Reformierten Kirche Aargau zum Wechsel in die Leitung des Werkes bewegen. Zuerst galt es, von innen heraus das Vertrauen und die Begeisterung für Mission 21 wieder zu wecken und spürbar werden zu lassen. Es war eine Entwicklung, die auch von den Partnern der Mission schnell und positiv wahrgenommen wurde.
Zum andern gelang es uns, an der Missionssynode 2013 alle reformierten Landeskirchen der Deutschschweiz wieder in die Gemeinschaft zu integrieren. Ebenso die evangelischen Kirchen in Baden, Württemberg und Pfalz sowie im Elsass und in Österreich. Wir bestätigten dadurch den Kern-Einzugsbereich der Mission.

Als Missionswerk erhielten wir Einsitz in die Commission of World Mission and Evangelism des ÖRK und stehen heute als Missionswerk in den Statuten des SEK.

Sie haben den Begriff "Mission" neu aufgegriffen und ihn inhaltlich gefüllt. Was bedeutet für Sie "Mission" heute?
Mission in Basler Tradition ist Ermutigung zum Leben, gerade für Menschen ohne Hoffnung. Sie ist eine ganzheitliche Bewegung ganz im Dienst des Nächsten. Der erste Schritt ist, von sich weg zu schauen auf die Bedürfnisse leidender Menschen in der Welt. Von Politik und Wirtschaft seien sie oft enttäuscht worden, erzählen uns Betroffene aus den Partnerländern. Mission sei für sie vertrauenswürdig, denn sie stehe seit Jahrhunderten zu dem, was sie sage. Mission handelt konsequent, sie schafft Lebensräume, in denen das Überleben aller wichtig ist.

Wie kann das konkret aussehen?
Ein Beispiel dafür ist: Die Mission fordert seit ihrer Gründung, dass Frauen wie Männer als ganze Menschen behandelt werden müssen, dass jeder Mensch, egal ob aus Afrika stammend, aus Europa oder Asien, mit gleichem Respekt und gleicher Sorgfalt zu behandeln sei, und sie nimmt Gläubige aller Religionen ernst und geht achtsam mit ihren Werten um. Es geht in der Mission darum, Lebensräume zu schaffen und voneinander zu lernen durch Begegnungen und konkretes Arbeiten. Das tun wir aus christlicher Überzeugung.

Die Evangelisation geschieht vor allem über die Partnerkirchen ...
Am Anfang der Missionsbewegung standen "Licht und Bibel", d.h. Zugang zu Bildung und christlichen Werten. Das war es, was die Missionare mitgebracht haben. Schon damals waren es nicht die Missionare, die erfolgreich Evangelisationskampagnen durchführten, sondern die Leute, die mit ihnen gelebt und von ihnen gelernt haben. Es waren die einheimischen Bibelfrauen und die Prediger, welche das Evangelium verbreiteten. Die Ehre und die Würde der Partner in der Mission besteht darin, dass sie selbst lehren und unterrichten. Sie bestimmen, was für sie Glauben bedeutet und welche Werte für sie gelten sollen, sie bestimmen den Kirchentyp oder die Art der Gemeinschaft, die für sie passend ist.

Worin ist die Mission 21 heute stark?
Die Mission setzt nicht einfach auf Neuerung, sondern vor allem auf ihre traditionellen Stärken wie die Friedensarbeit und Bildungsarbeiten. Wir mussten wegen der schreienden Notsituationen zum Beispiel in Nordnigeria zwischen Fanatikern und gemässigten Menschen eine spezielle "Advocacy" entwickeln. Es geht dabei nicht nur darum, konkrete Verfolgungs- und Unrechtssituationen öffentlich zu machen, es geht darum, Betroffene vor Ort in ihrer traumatischen Situation zu begleiten und ihnen gleichzeitig zu ermöglichen, mit Hilfe von einfachen Projekten ihren Lebensunterhalt wieder eigenständig zu verdienen und ihren Alltag zu gestalten.

Welche Herausforderungen gab es auch noch zu bewältigen?
Eine der aktuellen Herausforderungen wird es sein, wie wir damit umgehen sollen, dass der Spendenmarkt immer intensiver umkämpft wird. Das geht bis in die Entwicklung von Organisationen wie Brot für alle und HEKS hinein, die sich rasant und marktorientiert entwickeln und sich immer weniger nach der über Jahrzehnte gewachsenen Zusammenarbeit mit den Missionen richten. Wir sind von der Grösse her ein KMU geblieben, bienenfleissig und treu - aber vielleicht sind wir auch etwas brav geworden. Mission war nie "brav". Sich in diese Richtung drängen zu lassen würde heissen, wir verraten die Vision des Reiches Gottes, wo "alle Tränen abgewischt" werden und "Gerechtigkeit regiert". Es geht auch um die Herausforderung, die modernen Erkenntnisse der Entwicklungszusammenarbeit anzuwenden und weiterzuentwickeln.

Was möchten Sie in den letzten Monaten als Direktorin noch erreichen? Was überlassen Sie Ihrem Nachfolger?
Nachdem die Krise überwunden ist, kann mein Nachfolger wieder den Alltag installieren. Einen qualifizierten Alltag zu gestalten ist anspruchsvoll. Eine weitere Herausforderung wird sein, als einziges Missionswerk der reformierten Landeskirchen in der Deutschschweiz das christliche Zeugnis lebendig zu halten im Reigen der vielen Religionen, ohne bevormundend oder gar "frömmelnd" zu werden. Wir sind Stimme und Zeugen der Kirche für Notleidende und Entrechtete und geniessen deren Vertrauen. Das ist ein Privileg, bedeutet gleichzeitig auch eine grosse Verpflichtung. Wir arbeiten eng mit Partnern zusammen bis hinein in die demokratisch aufgebaute Synode und schaffen damit Verständnis und gemeinsames Lernen, das auszubauen und fruchtbar zu halten wird eine weitere wichtige Aufgabe sein.

Sehen Sie für die Zukunft auch die Möglichkeit einer Zusammenarbeit von Mission 21 mit Werken aus dem Raum der Evangelischen Allianz, der AEM oder Interaction?
Mission 21 hat sich bereits bei der Gründung der Bfa-­Aktion (damals Brot für Brüder) dafür eingesetzt, dass viele dieser Werke Teil der Aktion geworden sind. Der damalige Präsident/Direktor der Basler Mission, Jacques Rossel, war ein grosser Ökumeniker. Er hat dafür gesorgt. Auch heute arbeiten wir mit verschiedenen Denominationen zusammen. Ziel der Mission ist nicht Konfessionalismus, sondern Hilfe und Solidarität. Es steht ausser Frage, dass Mission 21 für Zusammenarbeit offen ist. (Interview: Fritz Imhof)

Claudia Bandixen, Mission 21

Claudia Bandixen ist seit den 1990er-Jahren mit dem Evangelischen Missionswerk Basel verbunden, arbeitete für die Basler Mission in Chile und wirkte später im Vorstand der Mission. Während zehn Jahren war sie Präsidentin der Reformierten Landeskirche Aargau. 2012 wurde sie als Direktorin von Mission 21 gewählt, als das Werk vor grossen finanziellen und strukturellen Herausforderungen stand. Claudia Bandixen hat Mission 21 stabilisiert und die Entwicklung massgeblich geprägt.

Mission 21 engagiert sich weltweit für Friedensförderung, Bildung, Gesundheit und Geschlechtergerechtigkeit sowie gegen Armut. In der Schweiz leistet Mission 21 Bildungsarbeit zu den Kernthemen der Tätigkeit im Weltsüden. Dort ist Mission 21 tätig in der Entwicklungszusammenarbeit sowie in Nothilfe und Wiederaufbau, ausgerichtet an den Nachhaltigkeitszielen der UNO ("SDGs"). Als internationales christliches Werk arbeitet Mission 21 in 20 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika, mit über 70 Partnerkirchen und -organisationen, in rund 100 Projekten.

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