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Es ist schwierig, Freunde zu finden ...
10. Januar 2021

Mission unter Roma, Sinti und anderen

Katarina Nikolic ist wohl die einzige Zigeunerpastorin. Zusammen mit SZM-MTS-Präsident Urs Gassmann aus der Schweiz konnte sie in Srbobran in Serbien eine Gemeinde gründen. Fotos: zvg
Katarina Nikolic ist wohl die einzige Zigeunerpastorin. Zusammen mit SZM-MTS-Präsident Urs Gassmann aus der Schweiz konnte sie in Srbobran in Serbien eine Gemeinde gründen. Fotos: zvg

(idea) - "Wir existieren seit 1913 als kleine Mission. Es ist schwierig, Freunde zu finden, da die Arbeit unter Zigeunern verpönt ist", erklärt SZM-MTS-Präsident Urs Gassmann. "Während der Erntezeiten hiess es früher zum Beispiel, dass arbeitssuchende Zigeuner sich den Feldern nicht nähern sollen. Viele Menschen machten schlechte Erfahrungen mit ihnen."

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Urs Gassmann persönlich machte in all den Jahren ein einziges schlechtes Erlebnis. "Deswegen will ich meine Einstellung aber nicht ändern." Gleichzeitig stellt er eine Inkohärenz in der Haltung gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen fest: "Jene, die sie ablehnen, sind oft die gleichen, die sagen, man solle nicht das Wort 'Zigeuner' verwenden, weil dies abwertend sei. Gleichzeitig aber nennen sich all jene aus diesen Menschengruppen, mit denen wir arbeiten, selbst stolz 'Zigeuner'." Das Wort sei jedoch weitgehend aus dem Sprachgebrauch verschwunden. In Deutschland spreche man von "Sinti und Roma". Es gebe aber viele andere Stämme, die bei dieser Begrifflichkeit nicht eingeschlossen seien. "Manche sprechen von 'Fahrenden', dabei aber geht vergessen, dass nur 5 Prozent wirklich Fahrende sind, die anderen 95 Prozent leben alle in Häusern."

Kulturen unterschiedlich

Auf Anregung von Mitgliedern wurde bei der Schweizerischen Zigeunermission nun eine Namensänderung vollzogen. Neu heisst das Werk "SZM-MTS". Urs Gassmann: "Es sind die Abkürzungen der bisherigen Namen, gefüllt mit den bisherigen Zielen.
S steht für 'Solidarität leben', Z für 'Zeugnis sein' und M für 'Minderheiten stärken'. Und im Französischen steht MTS für 'Fortivier les minorités, Être Témoignage, Vivre la Solidarité'.

Oft seien in den Gemeinden dieser grössten Minderheitengruppe Europas auch andere Einheimische dabei, allerdings sei die Kultur anders, beispielsweise sei die Musik und der Stil sehr lebendig, was manchmal dazu führe, dass andere Einheimische in eine andere Gemeinde wechselten.

"Zigeuner sind offener"

"Mit der Pastorin Katarina Nikolic konnte ich in Srbobran in Serbien eine Gemeinde gründen. Sie machte bei der EMK die Ausbildung zur Pfarrerin und ist die wohl weltweit erste und einzige Zigeunerpastorin", gibt Urs Gassmann einen Einblick in die Arbeit der Mission.

SZM-MTS arbeitet mit einheimischen Missionaren. "Sie haben ein Herz für verlorene Menschen", beobachtet Gassmann. "Die Zigeuner sind offener und vielfach enttäuscht von ihren Landeskirchen, oft werden sie eher 'ausgesogen' und sie müssen für die Amtshandlungen bezahlen. Die Partner von SZM-MTS gehen zu den Ärmsten, oft Roma, und suchen sie auf."

Verständnis für Kulturen der Bibel

Urs Gassmann beobachtet, dass Menschen aus den verschiedenen Zigeuner-Volksgruppen oft sagen, die Bibel sei vor allem für sie geschrieben worden. Er erklärt: "Die Gleichnisse von Jesus, die armen Witwen, das Gleichnis vom Sämann - die Volksgruppen arbeiten noch in dieser Weise. Sie züchten Schafe und können Fleisch verkaufen. Manche sind Tagelöhner, auch diese kommen in der Bibel vor."

Manche ernähren sich aus Containern, von Dingen, die weggeworfen werden. "Und sie erhalten Kleidersäcke von den Behörden." Problematisch sei, dass manche ihre Verdienste in Zigaretten und Alkohol "investieren". "Erst durch Jesus finden sie eine Einsicht und die Kraft, damit aufzuhören. Viele sind wegen ihres Lebensstils krank."

Arbeit auch in Indien

SZM-MTS arbeitet auch unter den verschiedenen Zigeunergruppen in Indien. Der Subkontinent gilt als Ursprungsort der Zigeuner. "Ausserdem leben viele Roma in Spanien, dort geschieht unter ihnen eine grosse Erweckung."

Zu den nächsten Schritten von SZM-MTS gehört, dass bald ein rumänischer Roma-Pastor Partner der Mission wird. Gassmann: "Es gibt unter den Christen dieser Volksgruppen viele Sprachtalente und sie lassen sich schulen. Wir machen Retraiten, ihr Bibelwissen ist gross." Daneben führt SZM-MTS unter anderem ein "Schweinchen-Projekt". "Sie züchten Schweine und müssen davon jeweils eines oder zwei weitergeben."

Glaube oft auch ein Strohhalm

Oft ist der Glaube für viele Zigeuner der letzte Strohhalm, beobachtet Urs Gassmann. Gleichzeitig gibt es christliche Gemeinden mit bis zu 300 Menschen. "Wir machen kleine Schritte, aber viele Regentropfen ergeben einen Ganges."

Gassmann selbst ist vor allem in Serbien tätig. "Das Land verzeichnet den grössten Bevölkerungsrückgang in Europa: Jetzt leben rund sieben Millionen Menschen im Land, das ist eine halbe Million weniger als vor zehn Jahren. Rund die Hälfte der Roma ist arbeitslos."

Wichtig sei, dass diese Völker so angenommen würden, wie sie sind. "Viele von ihnen seufzen und grübeln nach. Gut ist, wenn man sie nicht sitzen lässt, sondern mal ein Brot oder einen Sack Reis bei ihnen lässt. Mit Gottes Hilfe gibt es immer einen Ausweg aus dem Elend", ist der SZM-MTS-Präsident überzeugt. Gleichzeitig sei das Engagement der Christen in der Volksgruppe gross: "Sie fahren mit dem Fahrrad bis zu 60 Kilometer, um zu predigen."
(Autor: Daniel Gerber)

Geistliche Aufbrüche unter Sinti und Roma in Europa

(idea/dg) - In der Schweiz gibt es nur wenige und ziemlich abgeschottete freikirchliche Gemeinden unter Jenischen, Sinti und Roma. Sie pflegen kaum Kontakt mit anderen Kirchen in der Schweiz und treten auch im Internet nicht auf. Dass in der Schweiz bis 1973 rund 3000 Kinder von Fahrenden zwangsbevormundet und ihren Familien entrissen wurden, hinterlässt bei der jenischen Bevölkerung Spuren und hält sie weiter auf Distanz zur restlichen Schweizer Bevölkerung. Jenische in der Schweiz sind meist traditionell katholisch.

In Deutschland hingegen gehört in neuerer Zeit laut verschiedener Schätzungen eine Mehrheit der über 100 000 Sinti und Roma Freikirchen an. Dabei bilden sie meist eigene Kirchen. Rund 20 ihrer nicht pfingstlichen Gemeinden stehen lose in Kontakt zueinander. Eine Mehrheit der Sinti und Roma versammelt sich jedoch in pfingstlich ausgerichteten Gemeinden. Dass diese Völker durch das nationalsozialistische Regime hart verfolgt wurden und der Schulbesuch damals verboten war, hat ebenfalls tiefe Spuren hinterlassen.

In Frankreich gründete der pfingstliche Pastor Clément Le Cossec in den 1950er-Jahren das Werk "Evangelische Zigeunermission - Leben und Licht". Aus seiner Initiative entstand ein Gemeindeverband unter dem gleichen Namen, der mittlerweile rund 100 000 der 300 000 Sinti und Roma Frankreichs umfasst. Diesem Verband nahe stehen die meisten Freikirchen von Fahrenden in der Schweiz.

2014 startete das europaweite christliche Netzwerk "Roma Networks".