Dienstag • 24. November
Pro und Kontra
21. Oktober 2020

Ist Gemeindezucht noch zeitgemäß?

Die Theologen Heinrich Derksen und Steffen Beck äußern sich zu der Frage, ob Gemeindezucht noch zeitgemäß ist. Fotos: privat
Die Theologen Heinrich Derksen und Steffen Beck äußern sich zu der Frage, ob Gemeindezucht noch zeitgemäß ist. Fotos: privat

Wetzlar (idea) – Jahrhundertelang war es üblich, offenkundige Sünde mit Gemeindezucht zu ahnden. Das heißt: Wer mit anderen Gemeindemitgliedern im Streit lag, außereheliche Beziehungen pflegte oder gotteslästerlich redete, wurde nicht zum Abendmahl zugelassen oder musste die Gemeinde verlassen.

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Ist das noch zeitgemäß? Dazu äußern sich zwei freikirchliche Theologen in einem Pro und Kontra für die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar).

Pro: Gemeindezucht ist mehr als eine Notbremse

Laut dem Direktor des Bibelseminars Bonn, Heinrich Derksen (Bornheim), geht es nicht darum, ein unbequemes Gemeindemitglied oder Problem loszuwerden, sondern einem Menschen zu helfen: „Gemeindezucht ist kein Akt, sondern ein Begleiten auf dem Weg der Christusnachfolge.“ Es gehe um Hilfe, Heilung und Heiligung des Einzelnen und der ganzen Gemeinde. Im Neuen Testament sei die Rede nicht in erster Linie von Absonderung, geschweige denn von Ausstoßen, sondern von Wiedergewinnung und Wiederherstellung (Matthäus 18,12-14; 2. Korinther 2,7-11).

„Auf diesem Wege sollen Christen sich in gegenseitiger Liebe und Demut korrigieren und zurechtweisen“, so Derksen. Ein Gemeindeausschluss, der ein schmerzvoller Prozess für alle sei, könne nur die letzte Konsequenz sein. In diesem Sinne sei Gemeindezucht mehr als eine Notbremse.

Kontra: Jesus hat keinen rausgeschmissen

Die Gegenmeinung vertritt der Leitende Pastor der evangelischen Freikirche ICF Karlsruhe (International Christian Fellowship), Steffen Beck. Anhand biblischer Aussagen könne er nicht erkennen, „dass Jesus einen rausgeschmissen hat“. Dessen Ziel sei, „zu suchen und zu retten, was verloren ist“. Beck: „Ich habe in meinem Leben noch niemanden kennengelernt, der durch den Ausschluss aus der Gemeinde zur Umkehr getrieben und gerettet wurde.“

Er kenne aber eine ganze Reihe von Menschen, die durch den Ausschluss aus der Leiterschaft oder der Gemeinde die Gemeinschaft verlassen und den Glauben verloren hätten. Die Freikirche ICF sei aber gegründet worden, „damit ganz viele Heiden gerettet werden und nicht verloren gehen“.