Samstag • 20. Oktober
Allianztag
30. September 2018

Islamdebatte: Nicht von extremen Positionen vereinnahmen lassen

Der Wissenschaftliche Referent beim Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Carsten Polanz. Foto: Privat
Der Wissenschaftliche Referent beim Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Carsten Polanz. Foto: Privat

Bad Blankenburg (idea) – Christen sollten sich in der Islamdebatte nicht von extremen Positionen vereinnahmen lassen, sondern die persönliche Begegnung mit Muslimen suchen und dabei auch kritische Fragen ansprechen. Diese Ansicht vertrat der Wissenschaftliche Referent beim Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Carsten Polanz (Gießen), am 29. September beim Allianztag im thüringischen Bad Blankenburg. Er stand unter dem Motto „Islam, christlicher Glaube und Evangelische Allianz – Perspektiven für das christliche Zeugnis in einer geistlich sprachlosen Gesellschaft“. Polanz zufolge dominieren in der Islamdebatte in Deutschland weiterhin zwei gegensätzliche Haltungen: Einerseits sehe er „destruktive Pauschalisierungen und lähmende Angst“, andererseits starke Tendenzen der Verharmlosung und Beschwichtigung realer Herausforderungen. Christen sollten jedoch nicht „einen Irrtum mit dem anderen bekämpfen“, sondern sich ausgewogen einbringen, so Polanz.

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Polanz: Wir brauchen echte Toleranz und weniger Gleichgültigkeit

Er rief dazu auf, in der Debatte die verschiedenen Ebenen auseinander zu halten. So könne die Errichtung von Moscheen in Deutschland nicht mit dem Verweis auf mangelnde Möglichkeiten zum Bau von Kirchen in Saudi-Arabien verboten werden. „Es ist für mich aber unverständlich, wenn Bürgermeister oder Pfarrer bei Eröffnungen von einem ‚großen Schritt für die Integration’ sprechen, während sie kein Wort zur katastrophalen Menschenrechtslage in den Herkunftsländern verlieren, von denen die großen Moscheeverbände noch immer stark geprägt und teilweise kontrolliert werden.“ Hier seien die Akteure zu sehr auf die „heutige Harmonie“ und zu wenig auf den morgigen Frieden bedacht. Für diesen Frieden sei es notwendig, einen ehrlichen Dialog zu führen, in dem auch fundamentale Unterschiede im Gottes-, Menschen- und Gesellschaftsbild und gegenseitige Vorbehalte sachlich zur Sprache kämen. Dazu muss die Gesellschaft laut Polanz wieder lernen, zwischen Wahrheits- und Machtanspruch zu unterscheiden, sagte Polanz: „In unserer Gesellschaft gibt es das seltsame Verständnis, dass derjenige tolerant sei, dem alles gleichgültig ist.“ Eine echte Toleranz setze aber immer auch fundamentale Überzeugungen und die sachliche Ablehnung gegenteiliger Überzeugungen voraus: „Wer alles gleichsetzt, verliert jegliches Unterscheidungsvermögen und weiß nicht mehr, an welchen Stellen er mutig und klar Position beziehen sollte.“

Es gibt eine „geistliche Sprachlosigkeit“

Ferner sollten sich Christen Polanz zufolge stärker mit der „geistlichen Sprachlosigkeit“ in der Gesellschaft auseinandersetzen. Viele Menschen drehten sich nur noch um sich selbst und suchten Sinn und Halt in materiellen Dingen. Gleichzeitig sei der christliche Glaube durch die Säkularisierung zunehmend in die Privatsphäre verdrängt worden. Dabei werde das christliche Zeugnis in der Öffentlichkeit heute dringend gebraucht. Auch in Kirchen und Gemeinden nehme er teilweise eine Entfremdung von der Bibel und eine Leichtfertigkeit im Umgang mit biblischen Grundaussagen wahr. Die Begegnung mit Muslimen und die verschiedenen islamischen Anfragen an den christlichen Glauben verstehe er daher auch als Weckruf, sich wieder neu auf das Evangelium Jesu Christi und die biblischen Grundaussagen zurückzubesinnen.

Heimowski: Betet für unsere Politiker!

Der Beauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz am Sitz des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung, Uwe Heimowski (Gera), sagte mit Blick auf die politische Lage in Deutschland: „Für viele ist die einzige Geste dazu, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen.“ Christen sollten es ihnen nicht gleichtun, sondern die Hände falten und etwa für Politiker beten. Ebenso wichtig sei es, nicht nur gegen etwas zu sein, sondern sich kritisch mit Themen auseinanderzusetzen. Die Forderung „Merkel muss weg“ sei etwa noch kein christliches Programm. Christen wüssten, „dass Obrigkeit von Gott eingesetzt ist, und auch bei politischen Differenzen Respekt verdiene“. Weiterhin stünden Christen in der Verantwortung, für die Wahrheit einzutreten – etwa durch die Prüfung und Korrektur falscher Nachrichten in den Sozialen Medien.

Vetter: Die Einheit in den Mittelpunkt stellen

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Ekkehart Vetter (Mülheim an der Ruhr), berichtete, dass er zuletzt häufig gefragt worden sei, ob sich die Allianz nun auch konfessionell weiter öffne, etwa für Katholiken. Vetter: „Es geht uns nicht darum, Konfessionen hochzuhalten, sondern das Evangelium zu fördern.“ Menschen aus verschiedenen Strömungen und Kirchen teilten die geistlichen Ziele der Allianz: „Auch mit vielen Katholiken haben wir eine hohe Schnittmenge, unter anderem in ethischen Fragen“, so Vetter. Selbst Kooperationen mit der Neuapostolischen Kirche seien – nach theologischen Korrekturen in dieser Kirche – auf längere Sicht „zumindest nicht auszuschließen“. Die Einheit der Christen zu fördern, sei für die Allianz eines der bedeutendsten Ziele, „denn sie ist von tiefster theologischer und missionarischer Bedeutung“, so Vetter. Für den Umgang der christlichen Gemeinschaften innerhalb der Allianz mit jungen Menschen ermutigte Vetter, Verantwortung abzugeben und sie „einfach mal machen zu lassen“. Dazu sei es auch erforderlich, sich auf neue Formen einzulassen. In seiner Gemeinde beispielsweise habe die Allianzgebetswoche auf Initiative der Jugend in diesem Jahr an verschiedenen Plätzen der Stadt stattgefunden.

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