Montag • 24. Juni
Enthaltsamkeit
05. Juni 2019

Halten sich nur fünf Prozent der Priester lebenslang an den Zölibat?

Die Kirche lasse die Betroffenen im Stich, so Therapeut Reich. Das fange schon in der Priesterausbildung an. Foto: pixabay.com
Die Kirche lasse die Betroffenen im Stich, so Therapeut Reich. Das fange schon in der Priesterausbildung an. Foto: pixabay.com

Berlin (idea) – Der Sexualtherapeut Joachim Reich (Berlin) schätzt, dass sich nur fünf Prozent der katholischen Priester lebenslang an den Zölibat halten. Das sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ (Ausgabe 5. Juni). Reich berät Geistliche, die Probleme damit haben, sexuell enthaltsam zu leben. Nach seinen Worten sind Kleriker sehr selten, die sagten: „Ich empfinde ab und zu sexuelles Verlangen, aber ich kann das schnell runterfahren, und es beeinträchtigt meine Lebensqualität auch nicht.“ Der Therapeut, der früher selbst Priester war, nennt diese Gruppe „zölibatär hochbegabt“. Das sei eine kleine Minderheit. Die Mehrheit leide irgendwann unter der verordneten und selbstgewählten Beziehungs- und Sexlosigkeit.

ANZEIGE

Reich: Manche Priester haben viel Sex im Urlaub und sind dann wieder enthaltsam

Reich zufolge gehen Priester unterschiedlich mit ihren sexuellen Bedürfnissen um: „Manche haben Phasen, in denen sie sehr viel masturbieren oder Affären haben, leben dann aber wieder lange Zeit enthaltsam. Es gibt Priester, die im Urlaub ganz viel Sex haben und den Rest des Jahres zölibatär verbringen.“ Andere führten konsequent ein Doppelleben. Sie hätten eine feste Beziehung, gingen gewohnheitsmäßig ins Bordell oder schauten Pornos. Die Kirche lasse die Betroffenen letztlich im Stich. Das fange schon in der Priesterausbildung an. Zu ihm kämen Seminaristen, die darüber klagten, dass sie nicht ernsthaft auf den Zölibat vorbereitet werden. Das entspreche der Logik der Kirche: „Kleriker dürfen ohnehin keinen Sex haben, also müssen wir uns auch keine Gedanken über den Umgang mit Sex machen.“ Ein Mensch höre aber nicht auf, ein sexuelles Wesen zu sein, nur weil er Priester werde. Reich äußerte sich auch zur Frage, ob die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche mit dem Zölibat zusammenhängen. Nach seinen Worten gibt es in ihr – wie im Rest der Gesellschaft – eine sehr kleine Gruppe von Kernpädophilen. Andere Geistliche seien sexuell unreif, weil sie teilweise unerfahren seien und unter dem Zölibat keine altersgerechte Sexualität hätten entwickeln können. Reich: „Wenn sexuell selbstunsichere Menschen in Kontakt mit Jugendlichen kommen, die genauso auf der Suche nach ihrer Sexualität sind, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie Grenzen überschreiten.“

Deutsche Bischofskonferenz: Zahl ist „nicht evidenzbasiert“

Die (katholische) Deutsche Bischofskonferenz wollte die Äußerungen Reichs nicht kommentieren. Die Schätzung, dass sich 95 Prozent der Priester nicht lebenslang an den Zölibat hielten, sei von ihm „nicht evidenzbasiert“ (wissenschaftlich belegt/d.Red.). Deshalb erübrige sich ein Kommentar zum Interview, sagte der Pressesprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp (Bonn), auf Anfrage der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.

Diskutieren

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen. Nach dem Erscheinen eines Artikels kann dieser 48 Stunden kommentiert werden.

20 Kommentare
Kommentare sind ausgeblendet.
Zum Einblenden der Kommentare hier klicken.