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Sonntagmorgen
09. April 2019

Feiern wir Gottesdienst zur falschen Zeit?

v. l.: Der Theologieprofessor Michael Domsgen und der Dekan und Vorsitzender des Arbeitskreises Bekennender Christen in Bayern, Pfarrer Till Roth. Fotos: Jörg Hammerbacher; Privat
v. l.: Der Theologieprofessor Michael Domsgen und der Dekan und Vorsitzender des Arbeitskreises Bekennender Christen in Bayern, Pfarrer Till Roth. Fotos: Jörg Hammerbacher; Privat

Wetzlar (idea) – In den meisten evangelischen Kirchengemeinden wird sonntags um 10 Uhr Gottesdienst gefeiert. Oft sind diese nicht gut besucht. Die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) fragte darum zwei Theologen in einem Pro und Kontra: „Feiern wir Gottesdienst zur falschen Zeit?“.

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Pro: Der Sonntagvormittag ist Familienzeit

Der Religionspädagoge Prof Michael Domsgen (Halle/Saale) ist der Ansicht, dass die Zeit ungünstig ist. Familie und Kirche seien Konkurrenten um das knappe Gut der Freizeit: „Der Sonntagvormittag ist kein unbesetzter Raum, sondern Familienzeit, ein durchaus rar gewordener Zeitkorridor gemeinsamer Interaktion.“ Der 10-Uhr-Gottesdienst stoße genau in diesen Raum. Wenn sich die Eltern hinsichtlich der Bedeutung des Gottesdienstes nicht einig seien, bringe das Stress in die Familie, den sie sonst nicht hätte. Strukturen hätten dienenden Charakter. Deshalb sei immer wieder zu prüfen, ob sie die Kommunikation des Evangeliums eröffneten oder hemmten. Es gehe darum, Barrieren abzubauen, um eine Begegnung mit Gott zu ermöglichen. Domsgen hatte zuvor bei einem „Impulstag Familie“ des Evangelischen Dekanats Bergstraße in Bensheim den 10-Uhr-Gottesdienst als eine „Kampfansage“ an die Familie bezeichnet.

Kontra: Die Vorzüge des Sonntagvormittags nicht schlechtreden

Anderer Ansicht ist Dekan Till Roth (Lohr am Main). Er warnt davor, die Vorzüge des Sonntagvormittags schlechtzureden. Als grundgesetzlich geschützter „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ werde er immer noch die meisten willigen Menschen zusammenführen: „Und auch wenn nicht jeder die Wahrheit des Sprichwortes ,Morgenstund hat Gold im Mund‘ teilt, meine ich, dass wir nicht darauf verzichten sollten, auch am Sonntagvormittag Gottesdienste zu feiern.“ Es handle sich aber nicht um eine streng theologische Streitfrage: „Weder Bibel noch Bekenntnisschriften geben eine Gottesdienstzeit vor.“ Das lasse gelassen abwägen. Die Gesellschaft sei extrem individualisiert: „Keine Zeit kann es allen gleich recht machen. Darum sollten wir – am besten über Gemeindegrenzen hinweg – ein Konzept mit einer gewissen Vielfalt an Gottesdienstformen (inkl. Zeiten) suchen.“ Roth ist Vorsitzender des Arbeitskreises Bekennender Christen in Bayern.

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