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Debatte
01. November 2019

Den generellen Sonntagsgottesdienst abschaffen?

Immer weniger Menschen gehen in den Sonntagsgottesdienst. Symbolfoto: pixabay.com
Immer weniger Menschen gehen in den Sonntagsgottesdienst. Symbolfoto: pixabay.com

Köln (idea) – Nur 3,3 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder besuchen laut der jüngsten EKD-Statistik im Durchschnitt einen Sonntagsgottesdienst (Jahr 2017). Soll man dennoch in Gemeinden jeden Sonntag Gottesdienst feiern? Darüber gehen die Meinungen in der evangelischen Kirche auseinander. Der EKD-Cheftheologe und Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes, Thies Gundlach (Hannover), plädiert in dieser Frage für mehr Freiheit. Gegenüber dem Deutschlandfunk (Köln) sagte er, der Sonntagsgottesdienst sei in Gemeinden eine zentrale Veranstaltung, aber nicht die einzige: „Und das soll man in großer evangelischer Freiheit vor Ort reflektieren.“ Man solle den Pfarrern nicht „aufs Auge drücken: Ihr müsst unbedingt jeden Sonntag Gottesdienst machen, egal ob jemand kommt, egal wer das wichtig findet. Das ist eine Ideologie, die ich nicht teilen kann.“ Gundlach befürwortet angesichts von wachsender Pluralität in Gemeinden etwa Zielgruppengottesdienste: „Das ist eine kluge Reaktion unserer Kirche auf die Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft.“

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Prof. Wendebourg: Ohne regelmäßigen Gottesdienst fällt „der Laden“ auseinander

Dagegen ist für die Kirchenhistorikerin Prof. Dorothea Wendebourg (Berlin) der Sonntagsgottesdienst von zentraler Bedeutung. Kirche vollziehe sich als Gemeinschaft „im regelmäßigen Zusammenkommen um Wort, Sakrament, Gebet. Der Laden fällt auseinander, wenn wir das nicht mehr tun“, so Wendebourg gegenüber dem Deutschlandfunk. Dann könnte die Kirche „ein Sozialverein werden“. Ohne Sonntagsgottesdienst verliere jede christliche Gemeinschaft ihren Kern und falle auseinander. Kritisch sieht Wendebourg aber auch die Einstellung mancher Pfarrer. Es könne „natürlich nichts werden“, wenn der Geistliche im Gottesdienst irgendetwas „abspult“, etwa „ein Gebet abliest, als bete er gar nicht selbst“, und „von der Kanzel herunterrattert“. Wendebourg war von 1995 bis 2009 Kovorsitzende der Theologischen Kammer der EKD.

Pfarrer Reiche: Die meisten Gemeinden sind doch leer gepredigt

Der evangelische Pfarrer Steffen Reiche (Berlin-Nikolassee) macht für den schlechten Gottesdienstbesuch vor allem seinen Berufsstand verantwortlich: „Denn die meisten Gemeinden sind doch leer gepredigt von Pfarrern“, die nichts zu sagen hätten, sich nicht genügend gut vorbereiteten und keinen Glauben mehr hätten. Wer seine Predigt nicht ernst nehme, den nähmen auch die Menschen nicht ernst. Predigen heiße, in eine Gemeinschaft so hineinzureden, dass die Menschen merkten, sie sind gemeint.