Montag • 16. September
Buch als Orientierungshilfe
03. September 2019

Das Leben gestalten – bis zuletzt

Professor Kruse: „Selbstmord ist ein Versagen von Gesellschaft und Kultur.“ Foto: zvg
Professor Kruse: „Selbstmord ist ein Versagen von Gesellschaft und Kultur.“ Foto: zvg

(idea/bb) - Sozusagen als Gegengewicht zur starken Lobby der Sterbehilfeorganisationen hat die Evangelische Kirche des Kantons Thurgau die Schrift "Den Weg zu Ende gehen" herausgegeben. Die Buch-Vernissage fand am 30. August mit 250 Personen in der Kartause Ittingen statt.

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Aus Ehrfurcht vor Gott und dem Leben

Der Thurgauer Kirchenrat und die Dekane als Repräsentanten der Pfarrpersonen blicken besorgt auf eine gesellschaftliche Entwicklung, die das geplante Aus-dem-Leben-Scheiden als normale Option für das Lebensende akzeptiert. "Die Überzeugung, dass es einen Gott über uns gibt, und die Ehrfurcht vor dem Leben haben uns bewogen, diese Orientierungshilfe zu erarbeiten", erklärte Kirchenratspräsident Wilfried Bührer. Die Sterbehilfe-Debatte dürfe nicht unwidersprochen der "mächtigen Sterbe-Lobby überlassen werden"; niemals dürfe ein gesellschaftlicher Erwartungsdruck zum Sterbeentscheid führen.

Ein Netzwerk von Fachleuten

Unter Leitung der Frauenfelder Fachärztin Christine Luginbühl ist ein grosses Netzwerk von Fachleuten aus Medizin, Theologie, Psychologie, Gerontologie, Pflege und Recht aufgebaut worden. Dank ihrer Fachbeiträge und persönlicher Erfahrungsberichte von Familienangehörigen lädt das informative Buch "Den Weg zu Ende gehen" zu einer fundierten und differenzierten Betrachtung ein. Die Beiträge eignen sich auch für die Arbeit in der kirchlichen Erwachsenenbildung oder für die Hauskreisarbeit. So wird dargelegt, dass Selbstbestimmung am Lebensende mehr beinhaltet als das enge Selbstbestimmungs-Verständnis, welches dem assistierten Suizid zugrunde liegt. "Ist selbstbestimmt wirklich selbst-bestimmt?", fragt Christine Luginbühl.

Umgang mit Verletzlichkeit

Professor Andreas Kruse, Leiter des Gerontologischen Instituts der Universität Heidelberg, Mitglied des deutschen Ethikrates und Träger des Schweizer Palliative-Care-Preises 2016, beleuchtete in seinem Referat den Suizid-Wunsch und die Motive bei unheilbarer Krankheit, Gebrechlichkeit oder Angst vor Demenz. "Die Verletzlichkeit ist ein Merkmal menschlicher Existenz. Eine Gesellschaft, die das negiert und dazu neigt, das Leben voll zu kontrollieren, treibt Menschen, die ihre Vulnerabilität im öffentlichen Raum leben, ins Abseits, sie erfahren Ablehnung und geraten in Isolation." Kruse warf die Frage auf, inwieweit die Gesellschaft bereit sei, sich auf diese Vulnerabilität einzulassen, und die Chance ergreife, daraus auch für sich selbst zu lernen. Er spitzte zu: "Selbstmord ist ein soziologisches Problem und bedeutet immer ein Versagen von Gesellschaft und Kultur." Ein Würdeverständnis, das über den kognitiv betonten Würdebegriff hinausgehe, schliesse die Möglichkeit zur Selbst- und Mitgestaltung der Umstände auch am Lebensende ein.

Der hohe Wert der Palliative Care

Kruse hob den hohen Wert und die anspruchsvollen Anforderungen an die palliative Begleitung hervor: "Eine hochentwickelte Palliative- und Hospizkultur stellt ihr Handeln ganz in den Dienst der Freiheit des Menschen und hilft ihm und Angehörigen beim Loslassen."

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